Sonnenuntergang

Ikone_Sr_Faustyna_2Das Fundament des geistlichen Lebens der hl. Schwester Faustyna bildet das allerschönste Geheimnis des christlichen Glaubens - das Geheimnis der Barmherzigkeit Gottes. Um aus ihm leben zu können, muss man zuerst folgendes erkennen. Gemäß der Ordensregel, erwog Schwester Faustyna oft, was Gott bei der Schöpfung für den Menschen getan hat, was der Sohn Gottes für unsere Erlösung erlitten hat, was für Schätze er der heiligen Kirche für uns anvertraut hat und was er uns in der ewigen Seeligkeit bereitet. In ihrem Tagebuch finden wir schöne Eintragungen, die das Echo dieser Betrachtungen sind, in denen sie die Güte Gottes bewundert, die in der Schöpfung der Engel, der Welt und des Menschen zum Ausdruck kam, sowie im Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes und im Werk der Erlösung des Menschengeschlechtes. Schwester Faustyna wird auch von der erbarmenden Liebe Gottes zu den Sündern entzückt, die ihnen verzeiht und sie aus allem Elend erhebt, Dazu schrieb sie:  

"O Gott, wie reichlich hat sich Deine Barmherzigkeit ergossen und das alles hast Du für den Menschen getan. O wie sehr musst Du diesen Menschen lieben, wenn Deine Liebe zu ihm so aktiv ist.  Tb. 1749

Die Betrachtung des Geheimnisses der Barmherzigkeit Gottes führte sie zur Entdeckung der Wirklichkeit, von der der heilige Johannes in seinem Evangelium schreibt, dass Gott in der Seele lebt.

Ich fühle, dass Du in mir wohnst, mit dem Vater und dem Heiligen Geist, oder ich fühle viel mehr, dass ich in Dir lebe, o unbegreiflicher Gott. Ich lernte Dich im Innern meines Herzens kennen und gewann Dich über alles, was auf Erden oder im Himmel ist, lieb. TB 478

Sie verglich ihre Seele mit einem herrlichen Garten oder mit dem Tabernakel, der die lebendige Hostie aufbewahrt, und in der Tiefe ihres Seins verband sie sich mit dem Herrn. 

Ich suche mein Glück nirgendwo, außer in meinem Inneren, wo Gott weilt. Ich freue mich an Gott in meinem Innern, hier verweile ich unentwegt mit Ihm, hier ist mein vertrautester Umgang mit Ihm, hier weile ich sicher mit Ihm, hierher gelangt kein menschlicher Blick. Die Heiligste Jungfrau ermuntert mich zu solchem Umgang mit Gott. Tb. 454

bibelDie Betrachtung des Geheimnisses der Barmherzigkeit Gottes vollzog sich im Leben der Schwester Faustyna durch die Verwendung sehr einfacher, für alle zugänglicher Mittel, wie die Lektüre und Erwägung biblischer Texte, die Lektüre religiöser Literatur, die Betrachtung der Rosenkranzgeheimnisse und der Kreuzwegstationen, die Teilnahme an Einkehrtagen und Exerzitien und das tiefe Erleben der heiligen Sakramente. Ein wichtiges Element war hier, die Anzeichen der erbarmenden Liebe Gottes im eigenen Leben wahrzunehmen. Schwester Faustyna fragte sich jeden Tag: Was hat Gott für mich heute getan? und bemerkte, dass es keinen Augenblick in unserem Leben gibt, in dem uns die Barmherzigkeit Gottes entzogen wäre; Die göttliche Barmherzigkeit gleicht einem goldenen Faden, der sich durch unser ganzes Leben zieht.

Ein solches Erkennen des Geheimnisses der Barmherzigkeit Gottes - gestützt auf biblische Texte und das eigene Leben - führte dazu, dass dieses Geheimnis unseres Glaubens für sie nicht nur schön war, sondern auch sehr nah, weil es konkrete Gestalt im Alltag annahm. Gott erschien ihr als Vater, der voll Erbarmen ist und den Menschen mit Seiner liebenden Gegenwart, mit Gaben, mit den für das Leben nötigen Gnaden und mit Verzeihung beschenkt, die hilft, sich vom Fall zu erheben und in der Liebe zu wachsen.

Dieses jedem zugängliche Erkennen des Geheimnisses der Barmherzigkeit Gottes verstärkte Gott durch die Gabe der Kontemplation, dank der Schwester Faustyna einen sehr tiefen Einblick in dieses Geheimnis unseres Glaubens gewann, um es uns nahe zu bringen. Auf Wunsch von Jesus und ihren Beichtvätern führte sie ihr Tagebuch, das die unbegreifliche Liebe Gottes zu jedem Menschen enthüllt.

Das Erkennen des Geheimnisses der Barmherzigkeit Gottes und ihre Erfahrung im eigenen Leben brachten in ihr die Haltung des grenzenlosen Vertrauens zu Gott hervor. Man kann nicht jemandem vertrauen, den man nicht kennt. Diesen Grundsatz, der in den zwischenmenschlichen Beziehungen gilt, muss man auch in der Beziehung zu Gott beachten. Je größer die Kenntnis über eine Person ist, desto größer ist das Vertrauen zu ihr. Im Leben der Schwester Faustyna ist Vertrauen weder ein frommes Gefühl noch eine intellektuelle Annahme der Glaubenswahrheiten, sondern eine Haltung des Menschen gegenüber Gott, die die ganze Person einbezieht und in der Erfüllung des Willens Gottes zum Ausdruck kommt.  Schwester Faustyna erkannte Gott als Vater des Erbarmens und wusste darum, dass Er nichts anderes will, als nur das irdische und ewige Wohl des Menschen; deswegen ist Sein Wille - wie sie sagte - das Erbarmen selber, und in seiner Erfüllung kommt das Vertrauen Ihm gegenüber zum Ausdruck.

Die hl. Schwester Faustyna ist in jeder Situation ein Vorbild kindlichen Vertrauens zu Gott. Wenn sie sehr litt und ihr Vertrauen schwer geprüft wurde, kam sie zum Tabernakel und rief:

Herr, auch wenn Du mich töten solltest, werde ich Dir vertrauen. Tb. 77

Ein anderes Mal bekannte sie:

Wenn meine Seele gequält ist, denke ich: Jesus ist gütig und voller Barmherzigkeit; auch wenn die Erde unter meinen Füßen schwinden sollte, würde ich nicht aufhören, Ihm zu vertrauen  Tb. 1192

Sie vertraute immer, weil sie Gott erkannte, der die Liebe und Barmherzigkeit selber ist. Sie wunderte sich, wie man Gott nicht vertrauen kann, der die Weisheit selbst ist, alles vermag und mit grenzenloser Liebe liebt.

JesusikoneDas Erkennen Gottes im Geheimnis Seiner Barmherzigkeit führt nicht nur zu einer Haltung des Vertrauens zu Ihm, sondern ruft auch das Verlangen hervor, diese Eigenschaft Gottes im eigenen Leben zu spiegeln, das heißt, barmherzig gegenüber den Nächsten zu werden. Ich möchte mich ganz in Deine Barmherzigkeit umwandeln - betete Schwester Faustyna - um so ein lebendiges Abbild von Dir zu sein,

"O Herr, möge diese größte Eigenschaft Gottes, Seine unergründliche Barmherzigkeit, durch mein Herz und meine Seele hindurch zu meinen Nächsten gelangen. Tb. 163

Jesus belehrte sie oftmals über die Notwendigkeit und Größe der Barmherzigkeit, die den Nächsten aus Liebe zu Ihm durch die Tat, das Wort und das Gebet erwiesen wird. Schreibe das auf für viele Seelen, die sich manchmal grämen, weil sie keine materiellen Güter besitzen, durch die sie Barmherzigkeit ausüben könnten. Einen größeren Wert hat die Barmherzigkeit des Geistes, für die man weder eine Erlaubnis haben, noch einen Speicher besitzen muss. Sie ist allen Seelen zugänglich.

"Wenn die Seele nicht in irgendeiner Weise Barmherzigkeit übt, wird sie am Tage des Gerichts Meine Barmherzigkeit nicht erfahren. Wenn doch die Seelen ewige Schätze ansammeln wollten, sie würden Meinem Urteil mit Barmherzigkeit zuvorkommen und nicht gerichtet werden. Tb. 1317

Jesus bittet um wenigstens einen Akt der Nächstenliebe, der aus Liebe zu Ihm vollbracht wird, durch die Tat, das Wort oder das Gebet. Hier ist die Absicht wichtig: aus Liebe zu Jesus, weil sie die christliche Barmherzigkeit von unterschiedlich motivierter natürlicher Wohltätigkeit oder Menschenfreundlichkeit unterscheidet. Schwester Faustyna unterstreicht die enge Verknüpfung der menschlichen Barmherzigkeit mit der Barmherzigkeit Gottes, die die Quelle, der Beweggrund und das Vorbild für die christliche Barmherzigkeit ist. Solche Barmherzigkeit, die im Geiste Christi geübt wird, ist gleichzeitig Anteil an der Barmherzigkeit Gottes, der Seine Barmherzigkeit auf die ganze Welt ergießt, indem Er sich der Menschen bedient. Nur eine so verstandene Barmherzigkeit, die sich auf die geoffenbarte Wahrheit und das Wohl des Menschen stützt und eng mit der Barmherzigkeit Gottes verbunden ist, ist schön und kann das Herz des Menschen faszinieren. So war es im Leben der hl. Schwester Faustyna, die im Gebet bekannte:

O mein Jesus, jeden Deiner Heiligen prägt eine Deiner Eigenschaften. Ich will von Deinem gütigen, barmherzigsten Herzen geprägt sein und will es lobpreisen. Deine Barmherzigkeit, o Jesus, soll meinem Herzen und meiner Seele als Siegel aufgeprägt sein, als mein Zeichen in diesem und im künftigen Leben. Tb. 1242

Die charakteristischen Züge der Spiritualität der hl. Schwester Faustyna bilden: Das Erkennen des Geheimnisses der Barmherzigkeit Gottes und seine Betrachtung im Alltag, sowie die Haltung kindlichen Vertrauens zu Gott und der Barmherzigkeit gegenüber den Nächsten. Augenfällig sind in ihrem geistlichen Leben außerdem: die Liebe zur Kirche -  als der besten Mutter - und zum mystischen Leib Christi, die Liebe zur Eucharistie und die Andacht zur Muttergottes, die für sie Mutter und Meisterin des inneren Lebens,  sowie das vollkommenste Vorbild der christlichen Vollkommenheit war.

 

 

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